Wissen ist nicht Können
«Hundehalter wissen heute mehr als früher. Aber sie können nicht mehr als früher.»
Sagte Michael Grewe im Canis-Podcast.
Ich habe diesen Satz gehört und musste kurz innehalten. Nicht weil er neu ist. Sondern weil er so präzise beschreibt, was ich täglich sehe.
Die bestinformierte Generation aller Zeiten
Noch nie hatten Hundehalter Zugang zu so viel Wissen. YouTube-Kanäle, Podcasts, Instagram-Trainer, Online-Kurse, Facebook-Gruppen mit 40.000 Mitgliedern, die rund um die Uhr Ratschläge verteilen. Lerntheorie für alle. Verhaltensbiologie auf Knopfdruck. Bindungsforschung als Reels.
Das Ergebnis? Hundehalter, die mir erklären können, was ein Dopamin-Ausschüttung ist, aber nicht merken, dass sie ihrem Hund gerade beibringen, sie zu ignorieren. Die den Begriff «Calming Signals» kennen, aber nicht sehen, dass ihr Hund seit zehn Minuten ununterbrochen Stresssignale sendet. Die über Lerntheorie diskutieren können wie Seminarteilnehmer, aber auf dem Spaziergang aussehen, als wäre der Hund eine Rakete und die Leine die Zündschnur.
Wissen und Können sind zwei verschiedene Dinge. Wir haben das erste verwechselt mit dem zweiten.
Hundewissen und Intuition: Was verloren gegangen ist
Früher, und ich weiss, das klingt nach Nostalgie, hatten viele Hundehalter etwas, das heute selten geworden ist: Bauchgefühl. Intuition. Die Fähigkeit, einen Hund anzuschauen und einfach zu spüren, was gerade passiert.
Nicht weil sie es gelernt hatten. Sondern weil sie präsent waren. Weil sie nicht gleichzeitig im Kopf die richtige Technik abriefen, die passende Theorie anwandten und sich fragten, ob ihr Vorgehen auf Instagram wohl vertretbar wäre.
Heute steht zwischen dem Menschen und seinem Hund eine Schicht aus Wissen, Meinungen, Ideologien und Selbstzweifeln, die so dick ist, dass der direkte Kontakt kaum noch stattfindet.
Der Hund sagt etwas. Der Mensch googelt, was es bedeutet.
Das Paralyseproblem
Ich erlebe es wöchentlich. Menschen, die so viel wissen, dass sie nicht mehr handeln können. Die bei jeder Situation zuerst überlegen: Ist das jetzt positive Verstärkung? Negative Strafe? Setze ich das Signal richtig ein? War das Timing gut? Hätte ich das anders machen sollen?
Während sie nachdenken, ist der Moment vorbei. Der Hund hat längst reagiert, gelernt, weitergelebt. Und der Mensch steht da mit einem Kopf voller Theorie und einem Hund, der sich einen feuchten Dreck darum schert.
Wissen kann lähmen. Zu viel Wissen, zu wenig Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, erst recht.
Was ich in meiner Arbeit sehe
Die Menschen, die am schnellsten Fortschritte machen, sind selten die, die am meisten wissen. Sie sind die, die am besten beobachten. Die, die aufhören, im Kopf zu sein, und anfangen, wirklich hinzuschauen. Die, die einen Moment aushalten können, ohne ihn sofort einzuordnen, zu benennen, zu bewerten.
Die, die ihrem Bauch manchmal mehr trauen als dem letzten Podcast.
Ich sage nicht, Wissen sei wertlos. Dieser ganze Blog wäre sonst eine Lüge. Ich sage: Wissen ist ein Werkzeug. Kein Ersatz für Präsenz. Kein Ersatz für gesunden Menschenverstand. Und mit Sicherheit kein Ersatz für die Fähigkeit, einfach mal zu handeln, auch wenn man nicht hundertprozentig sicher ist, ob es lerntheoretisch korrekt war.
Die unbequeme Frage
Wann hast du deinen Hund zuletzt einfach angeschaut? Nicht um sein Verhalten zu analysieren. Nicht um Stresssignale zu katalogisieren. Nicht um zu überlegen, was das jetzt bedeutet und wie du darauf reagieren sollst.
Einfach angeschaut.
Dein Hund schaut dich ständig an. Er weiss mehr über dich, als du je über ihn wissen wirst. Und er hat das nicht aus einem Podcast.
P.S. Ja, ich weiss, dieser Text klingt arrogant. So ist er nicht gemeint. Abseits meiner Tätigkeit als Hundetrainer, bei privaten Spaziergängen und Trainings mit Sabooh und Kylie, muss ich mich auch immer wieder daran erinnern, mehr im Jetzt, im Gefühl, in der Intuition zu sein und weniger im Kopf.