Motivierende Gesprächsführung: Warum ich dich nicht belehre

Die meisten Hundetrainer erklären dir, was du falsch machst. Dann sagen sie dir, was du stattdessen tun sollst. Fertig.

Das funktioniert. Manchmal.

Aber meistens nicht nachhaltig. Weil Menschen sich nicht gerne sagen lassen, was sie falsch machen. Weil Widerstand entsteht, wenn jemand von aussen kommt und meint, er wüsste es besser. Weil Veränderung nicht durch Belehrung passiert, sondern durch Erkenntnis.

Deshalb arbeite ich anders.

Was motivierende Gesprächsführung ist

Motivierende Gesprächsführung (englisch: Motivational Interviewing) kommt ursprünglich aus der Suchttherapie und der Verhaltensänderungsforschung. Entwickelt von Miller und Rollnick in den 1980er Jahren, basiert sie auf einer einfachen Erkenntnis: Menschen ändern sich nicht, weil man ihnen sagt, dass sie sich ändern sollen. Sie ändern sich, wenn sie selbst erkennen, warum es sich lohnt.

Das Prinzip: Nicht ich sage dir, was du tun sollst. Ich stelle dir Fragen, die dich selbst auf die Antwort bringen. Nicht ich überzeuge dich. Du überzeugst dich selbst.

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Motivierende Gesprächsführung ist in der Verhaltensänderung deutlich effektiver als direktive Ansätze (Rubak et al., 2005). Menschen setzen eher um, was sie selbst erkannt haben. Nicht was man ihnen gesagt hat.

Warum das im Hundetraining relevant ist

Hundetraining ist nicht nur Hundetraining. Es ist Verhaltensänderung. Beim Hund, ja. Aber vor allem bei dir.

Dein Hund macht nichts falsch, das er nicht von dir gelernt hat. Inkonsistenz. Unklarheit. Fehlende Präsenz. Die meisten Probleme entstehen nicht beim Hund, sondern beim Menschen.

Aber wenn ich dir das so sage, wirst du dicht machen. Nicht weil du sauer auf mich bist, sondern weil es weh tut, sich gesagt zu bekommen, dass man selber das Problem ist.

Deshalb frage ich stattdessen: «Was denkst du, was in dem Moment passiert ist?» Oder: «Was fällt dir auf, wenn du dir diese Situation anschaust?» Oder: «Was glaubst du, was dein Hund in dem Moment von dir gebraucht hätte?»

Und in 90 Prozent der Fälle kommt die Antwort von dir. Nicht von mir.

Du weisst meistens schon, was nicht stimmt. Du brauchst nur jemanden, der dir hilft, es zu sehen. Ohne dich zu verurteilen.

Wie das konkret aussieht

Klassischer Ansatz:
«Du ziehst die Leine zu straff. Deshalb zieht dein Hund. Lass die Leine locker.»

Motivierende Gesprächsführung:
«Was merkst du an der Leine, wenn dein Hund zu ziehen anfängt?» – «Sie wird straff.» – «Was machst du dann?» – «Ich ziehe zurück, glaube ich.» – «Und was passiert dann mit deinem Hund?» – «Er zieht noch mehr.» – «Interessant. Was denkst du, was passieren würde, wenn die Leine locker bliebe?»

Merkst du den Unterschied? Im zweiten Fall bist du auf die Lösung gekommen. Nicht ich. Und deshalb wirst du sie auch umsetzen. Weil es deine Erkenntnis ist, nicht meine Anweisung.

Die vier Prinzipien, nach denen ich arbeite

1. Partnerschaft, nicht Expertentum

Ich bin nicht der Experte, der von oben herab sagt, wie es geht. Wir sind Partner. Du kennst deinen Hund besser als ich. Du kennst deinen Alltag besser als ich. Ich bringe Perspektive, Werkzeuge, Erfahrung. Aber die Lösung entwickeln wir zusammen.

Auch dazu gibt es Untersuchungen: Menschen setzen Lösungen eher um, wenn sie das Gefühl haben, Teil des Prozesses zu sein (Miller & Rollnick, 2013). Nicht Empfänger von Anweisungen, sondern Co-Entwickler.

2. Akzeptanz, nicht Bewertung

Ich bewerte dich nicht. Auch wenn du Fehler gemacht hast. Auch wenn du deinem Hund unabsichtlich etwas Falsches beigebracht hast. Auch wenn du inkonsistent warst.

Du bist bei mir, weil du etwas ändern willst. Das ist mehr wert als Perfektion. Und Veränderung passiert nur, wenn du dich sicher genug fühlst, ehrlich zu sein.

Wenn ich dich verurteile, machst du zu. Wenn ich dich akzeptiere, öffnest du dich. Und nur im offenen Zustand kannst du lernen.

3. Herauslocken, nicht Einpflanzen

Ich pflanze dir keine Ideen ein. Ich locke heraus, was schon in dir ist. Die Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt. Die Ahnung, was anders laufen könnte. Das Wissen, das du schon hast, aber noch nicht greifbar gemacht hast.

Das funktioniert durch Fragen. Durch Beobachtungen, die ich dir anbiete. Durch Spiegeln: «Ich höre dich sagen, dass du frustriert bist, weil dein Hund nicht hört. Gleichzeitig höre ich, dass du manchmal nachgibst, wenn er nicht reagiert. Siehst du da einen Zusammenhang

Und dann kommt die Erkenntnis von dir. Nicht von mir.

4. Unterstützung der Selbstwirksamkeit

Ich sage dir nicht, dass du es schaffst. Ich zeige dir, dass du es bereits geschafft hast. In anderen Bereichen. Bei anderen Dingen.

«Wie hast du es geschafft, deinem Hund beizubringen, nicht mehr auf dem Bett zu schlafen?» – «Ich war einfach konsequent.» – «Genau. Du warst konsequent. Und das hat funktioniert. Was denkst du, würde passieren, wenn du diese Konsequenz auch beim Betteln am Tisch anwendest?»

Du hast die Fähigkeit. Ich helfe dir nur zu sehen, dass du sie schon bewiesen hast.

Wo Hundetraining und Menschencoaching sich treffen

Hier liegt der Kern meiner Arbeit: Ich trainiere nicht nur deinen Hund. Ich coache dich.

Weil dein Hund sich verändert, wenn du dich veränderst. Nicht durch Drill, sondern durch Einsicht. Nicht durch Druck, sondern durch Klarheit. Nicht weil ich es dir sage, sondern weil du es erkennst.

Das ist der Punkt, an dem Hundetraining und Menschencoaching verschmelzen. Dein Hund ist das Symptom. Du bist die Ursache. Aber nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne von Potenzial.

Wenn du dich änderst, ändert sich dein Hund. Automatisch. Ohne dass ich ihm ein einziges Kommando beibringen muss.

Warum das anstrengender ist (für mich und für dich)

Motivierende Gesprächsführung ist aufwendig. Es wäre einfacher, dir einfach zu sagen: «Mach das, lass das.» Fertig in 20 Minuten.

Aber dann wärst du nach zwei Wochen wieder am gleichen Punkt. Weil du die Anweisung befolgt hast, aber nicht verstanden hast, warum.

Stattdessen frage ich. Ich höre zu. Ich spiegele dir, was ich höre. Ich warte, bis du selbst auf die Lösung kommst. Das dauert länger. Aber es hält. Auch langfristig.

Und für dich ist es auch anstrengender. Weil ich dich nicht aus der Verantwortung lasse. Weil du selbst denken musst. Weil ich dir nicht die Antworten gebe, sondern dir helfe, sie zu finden.

Aber genau deshalb funktioniert es.

Was das für dich bedeutet

Wenn du zu mir kommst, bekommst du keine To-Do-Liste. Du bekommst Fragen. Beobachtungen. Reflexionen.

Ich sage dir nicht, dass du falsch liegst. Ich frage dich, was du denkst, was passiert.

Ich sage dir nicht direkt, was du tun sollst. Ich frage dich, was du glaubst, was funktionieren könnte.

Und am Ende gehst du mit einer Lösung nach Hause, die du selbst entwickelt hast. Die deshalb auch viel wahrscheinlicher umgesetzt wird. Weil sie von dir kommt, nicht von mir.

Das ist der Unterschied zwischen Belehrung und Begleitung. Zwischen Anweisung und Erkenntnis. Zwischen kurzfristigem Gehorsam und langfristiger Veränderung.

Echte Veränderung ist nicht für jeden

Nicht jeder mag diesen Ansatz. Manche Menschen wollen einfach gesagt bekommen, was sie tun sollen. Sie wollen eine Checkliste. Sie wollen klare Anweisungen.

Das ist okay. Aber das bin nicht ich.

Ich arbeite mit Menschen, die bereit sind, hinzuschauen. Die bereit sind, sich selbst zu hinterfragen. Die nicht nur wollen, dass der Hund anders wird, sondern verstehen wollen, warum er so ist, wie er ist.

Wenn du das bist: Willkommen. Wir werden gut zusammenarbeiten.

Wenn nicht: Dann gibt es reichlich andere Trainer, die es anders machen.

Aber wenn du wirklich etwas verändern willst, nicht nur kurzfristig Symptome bekämpfen, dann ist motivierende Gesprächsführung der Weg.

Weil echte Veränderung von innen kommt. Nicht von aussen.

Quellen:
– Miller, W. R., & Rollnick, S. (2013). Motivational Interviewing: Helping People Change (3rd ed.). Guilford Press.
– Rubak, S., Sandbaek, A., Lauritzen, T., & Christensen, B. (2005). Motivational interviewing: A systematic review and meta-analysis. British Journal of General Practice, 55(513), 305-312

Über Marc von Ah, Hundetrainer und Menschencoach in Zug / Zentralschweiz | Gründer von Dialog.Hund

Marc von Ah

Marc ist der Gründer von Dialog.Hund und vereint auf einzigartige Weise die Expertise eines ausgebildeten Hundetrainers mit der eines erfahrenen Menschencoaches.

Sein Ansatz stellt bewusst den Menschen in den Mittelpunkt, denn nachhaltige Veränderung entsteht dort, wo die Leine beginnt: bei Haltung, Selbstführung und innerer Klarheit des Halters. Statt auf standardisiertes Training setzt er auf massgeschneiderte Einzelcoachings im Alltag seiner Kunden – denn hier zeigen sich die echten Herausforderungen und hier entstehen die wirksamsten Lösungen. Seine Arbeit zielt auf mehr als Gehorsam; sie fördert Resilienz, Führungskompetenz und eine tiefe, tragfähige Partnerschaft zwischen Mensch und Hund. 

Mit diesem Fokus spricht Marc anspruchsvolle Klienten an, die effiziente, alltagstaugliche und persönliche Begleitung suchen.

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